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Extraschicht 2007 PDF Drucken E-Mail
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Erlebnisberichte - Industriekultur
Geschrieben von: ruhrpott-aktiv   
Samstag, den 02. Juni 2007 um 00:00 Uhr

Extraschicht 2007

Zuerst einen lieben Gruß an die beiden Unfall- bzw. Stauopfer, die gestern nicht dabei sein konnten. Möge diese Schilderung - trotz "müder Knochen" - besonders lebhaft werden, damit Ihr Euch gut vorstellen könnt, wie es gestern war.

Aquarius, Mülheim

Wir hatten uns für einen Standort (Mülheim) entschieden, denn warum sollte man die halbe Zeit in einem Shuttlebus quer durch das Ruhrgebiet verbringen? Lächeln Mülheim war insofern auch eine gute Wahl, weil dort viel Publikum war, aber kein Geschubse & Gedränge. Als Ausgangspunkt hatten wir das Aquarius gewählt. Interessante Informationen rund um das Thema Wasser, ein schöner Rund-um-Blick auf das Ruhrgiebt - und im Ausschankbereich u.a. die Marke Afri-Cola, von der dem Trinkenden, so meine ich mich an vergangene Werbesendungen zu erinnern, die Haare zu Berge stehen sollen. Lächeln Kann aber auch sein, daß ich hier die Marke, den damals modernen "Afro-Look" und die Möglichkeit, sich im Erdgeschoß frisieren zu lassen, mit dem Thema im Aquarius, die 70er Jahre, vermixe. Zwinkern

MüGa, Mülheim

Vom Aquarius ging es in einer halbwegs historischen Straßenbahn zur MüGa. Dort wurde jeder Besucher gebeten, entweder einen weißen Overall oder einen weißen Kittel anzuziehen. Das Gelände sah somit aus, als hätte sich dort ein Medizinerkongreß getroffen. Lächeln Einen weißen Overall zu tragen, könnte durchaus negative Folgen haben, denn würde man so fotographiert, könnte dieses Foto (Achtung, Insider!) im nächsten Pfarrblatt veröffentlicht werden - ein weißer Kittel aber, so wird sich im Laufe dieses Berichtes herausstellen, konnte aber auch eine äußerst positive Bedeutung haben.

Das Geschehen auf der MüGa im Schnelldurchlauf: Cola & Bier & Bratwurst, Polonaisse, Improvisationstheater, Lichtinstallationen, Sound, Camera Obscura, Führung durch das Schloß Broich (interessant! - aber aufgrund einer gewissen Langatmigkeit setzten wir sie auf eigene Faust fort), Trommler, Experimentelles Theater, Luftballons mit "Raketen" (selber angezündet) und Feuerwerk. Durch den "Halbmarathon" zwischen den einzelnen Stationen trat bei den Teilnehmern nach dem Besuch der Camera Obscura ein erstes körperliches Tief ein - als wir im Ringlokschuppen sitzend ausruhten, dachte ich kurz daran, "ruhrpott-aktiv" in "ruhrpott-passiv" umzubenennen. Lächeln Die Trommler waren da gute Motivatoren - ihr Auftritt war energiegeladen. Der Name der Truppe, die experimentelles Theater darbot, ist mir unbekannt - ich würde sie "Die Entflohenen aus der Heilanstalt" nennen. Lächeln Der Beifall des Publikums war äußerst mäßig - ich hingegen finde ein gewisses Gefallen an solchen Darbietungen, zeigen sie doch, was das Leben an Schattenseiten zu bieten hat. Lächeln

Gegen viertel nach eins brachen wir auf, verabschiedeten uns in alle Himmelsrichtungen - und zu diesem Zeitpunkt ahnten drei von uns noch nicht, daß sie den dramatischsten Teil der Nacht noch vor sich und zwei andere noch viel Spaß hätten. Mögen die anderen wohlbehalten nach Hause gekommen sein!

Die Heimkehr

Man stelle sich die Situation wie folgt vor: Drei weiß bekleidete Gestalten (Overall, Kittel) bewegen sich vom Schloß Broich Richtung Innenstadt Mülheim. Sie befürchten, daß Massen von Menschen das gleiche Ziel haben: Eine Haltestelle für den NachtExpress. Doch je näher sie der Innenstadt kommen, desto unheimlicher wird es. Weit und breit nur vereinzelt Menschen zu sehen, und an der Haltestelle fehlt ein Fahrplan. Die Frage, ob hier der NachtExpress halten wird, und wenn ja, ob nicht nur nach der nach Oberhausen, sondern auch der nach Essen, legt ihre eiskalte Hand auf die Schultern unserer drei Protagonisten. Ächzend fährt eine historische Straßenbahn auf dem Gegengleis vorbei, in einem Tempo, daß man sie quasi als Fußgänger überholen könnte. Danach: Minutenlange Totenstille. Manchmal fährt in der Nähe ein NachtExpress-Bus vorbei, und es scheint, als schickten sie den drei hoffnungsvollen Menschen einen stillen, hohnvollen Gruß. Doch da: Die historische Straßenbahn erscheint wieder! Rasch beschließen unsere drei Hoffnungslosen, den Straßenbahnfahrer nach einer Lösung ihres Dilemmas zu befragen. Nach quälend langen Minuten bleibt sie quietschend vor den Dreien stehen. "Kommt noch der N-E-12? Und der N-E-4?" Der Fahrer ist sehr freundlich. Ja, man sei am richtigen Orte - die Damen müßten nur noch wenige Minuten warten, und der Herr solle mitfahren, nur eine Station weiter, dort sei die Haltestelle für den NE4. Alles scheint gut, das Blatt hat sich zum Guten gewendet - eine hastige Verabschiedung, rein in die Tram, ein kurzes Winken, und schon verschwinde ich im Dunkel der Nacht, die Damen frohen Mutes zurücklassend.

Der Fahrer ist sehr freundlich, und trotz Funkloches erreicht er seinen Kollegen von dem NE4, den er darum bittet, noch auf einen Fahrgast zu warten. Jetzt wird tatsächlich alles gut, denke ich, entsteige der Bahn, und eile durch die Nacht, im weißen Kittel. Es ist mir egal, ob ich von der Polizei angehalten werde, denn die Haltestelle ist in Sicht - zwar steht dort kein Bus, kein NE4 - doch sicherlich wird er im nächsten Moment um die Ecke biegen, und ich laufe, laufe und laufe.

In diesem Moment hält neben mir eine Luxuskarosse. Zwei Frauen, offensichtlich aufgekratzt, sitzen in dem Auto, und die Beifahrerin hat das Fenster heruntergekurbelt und ruft mir in einem Ton, der mir um halb zwei Morgens weniger gefällt, zu: "Sollen wir Dich mitnehmen?" Das ist mir zuletzt vor zwanzig Jahren passiert, und da ich nicht nur wegen meines weißen Kittels mitgenommen werden will, lehne ich dankend ab. "Wirklich nicht?" höre ich noch den lockenden Ruf der Beifahrerin - da überlege ich es mir anders und steige ein. Die Damen kommen mir seltsam bekannt vor, als habe ich sie noch vor kurzer Zeit getroffen - auch ist die Stimmung heiter und fröhlich. Und während uns der NE4 überholt, werde ich zu meinem Auto gebracht. Der Wagen der hilfreichen Ladys verschwindet in der Ferne, ich überquere mit wehendem weißen Kittel eine noch durchaus befahrene, sechsspurige Straße, und fahre heim. Stunden später schlafe ich ein - nach einer ereignisreichen Nacht der Industriekultur.

extraschicht.de

 

Kommentare 

 
#1 RE: Extraschicht 2007Josi 2010-02-09 08:15
In Mühlheim war ich auch vor drei Jahren. Das war echt cool. Alle sind in langen weißen Überzügen oder Overalls herumgelaufen. Ich hatte auch meine Digicam dabei und habe Fotos von dem erleuchteten Kugelzelt gemacht. Das war übrigens begehbar, da drinnen wurde Literatur vorgetragen. Die Extraschicht ist einfach immer klasse!
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